Allgemein · Äpfel mit Birnen - Der hinkende Vergleich

/Äpfel mit Birnen/: Blaue Liebe

Blau – die angebliche Lieblingsfarbe der meisten Deutschen steht im englischen Sprachraum für Melancholie und in der Kunst spätestens seit Novalis‘ blauer Blume für romantische Sehnsucht. Kein Wunder also, dass sich weltweit Künstler dieser symbolträchtigen Farbe bedienen. Kiriko Nananan und Julie Maroh jedenfalls haben es beide getan und damit sogar noch ein ähnliches Grundkonzept verknüpft.

blue von Kiriko Nananan und Blau ist eine warme Farbe von Julie Maroh

Die Protagonistinnen von „blue“  und „Blau ist eine warme Farbe“  sind Schülerinnen, die sich in eine andere Frau verlieben und dadurch in ein Chaos der Gefühle stürzen. Gilt hier also: Kennt man eine, kennt man alle (beide)? Keinesfalls. Hier der hinkende Vergleich in Kategorien.

Herkunft der Autorinnen

Ein offensichtlicher Punkt, der aber trotzdem nicht unerwähnt bleiben sollte, da er Einfluss auf das Setting der beiden Comics hat: Mangaka Kiriko Nananan kommt aus der japanischen Präfektur Niigata, Julie Maroh aus dem Norden Frankreichs. Die Handlungen beider Bücher sind im jeweiligen Heimatland der Autorinnen angesiedelt.

Grundkonflikt

Das Hauptproblem von Marohs Figur Clementine resultiert aus den Vorurteilen und extrem rückständigen Ansichten ihres Umfelds (im Frankreich der 1990er) zur Homosexualität: Als öffentlich wird, dass sie sich in die ältere Emma verliebt hat, bezeichnet sie eine Freundin als „dreckige Lesbe“ und ihre  Eltern drohen sie aufgrund ihrer Orientierung zu verstoßen. Da Clementine noch sehr jung und wenig erfahren ist, stürzt sie das harte Urteil in einen Gewissenskonflikt und in eine Identitätskrise.

In „blue“ hat Kayako hingegen allein mit der Undurchschaubarkeit ihrer Freundin Masami zu kämpfen. Diese zeigt ihr zwar einerseits sehr deutlich ihre Zuneigung, bleibt dabei aber verschlossen und kann sich nicht auf eine ernsthafte Beziehung einlassen.

Die Farbe Blau

Schon auf den Seiten lässt die Französin ihre Protagonistin Clementine in einen Brief an Emma über ihre „blau getönten Jugendträume“ schreiben. In dem folgenden Rückblick auf die Geschichte der beiden ist alles in schwarz-weiß gehalten, lediglich wenige bedeutungsvolle Objekte, Traumsequenzen und Emmas blaue Haare sind eingefärbt. Dass das Buch auch noch am weiten, blauen Meer endet, macht das Sehnsuchtsmotiv des Buches komplett.

Wo die eine Geschichte endet, beginnt die andere: Nananas Heldin Kayako sitzt an ihrem Lieblingsort am Strand und wünschte, Masami wäre dabei: „Ihr Gesicht gefiel mir von Anfang an. Ich hätte sie gern als Freundin“. Von Titel und Cover mal abgesehen, findet sich die Farbe an sich nicht mehr in dem Buch; das Gefühl der Sehnsucht nach einer tieferen Verbindung zu Masami lässt sich aber wunderbar in Blautönen ausmalen.

Stil und Liebe

Der Stil von Nananan ist extrem reduziert, es gibt beinahe keine Hintergründe und Details. Das passt ziemlich gut zu der eher flachen Beziehung der beiden Mädchen: Ja, sie sind irgendwie ineinander verliebt, aber ernsthaft als „Liebe“ bezeichnen würde ich das, was sie da haben, nicht. Masami wirkt geheimnisvoll auf Kayako, doch eigentlich kann sie sich einfach nicht auf eine echte Beziehung einlassen.

Deutlich detaillierter ist der Zeichenstil von Julie Maroh und auch das passt perfekt. Schließlich sind es  das Leben auf den Straßen, das häusliche Umfeld und die Sehnsucht der Protagonistin, die die ganze Geschichte vorantreiben. Clementine und Emma lieben sich innig; das ist spätestens in den teils geträumten teils realen (und übrigens sehr ästhetischen!) Sexszenen deutlich. Ob diese Liebe den äußeren Einflüssen standhält, ist die einzige Frage, die sich stellt.

Fazit: Wie fühlt sich’s an?

Wer bis hierher gelesen hat, hat vielleicht gemerkt, warum der Vergleich von „Blau ist eine warme Farbe“ und „blue“ so fürchterlich hinkt: Er ist subjektiv ohne Ende!
Ersteres Buch würde ich ohne Zweifel als einen meiner Lieblingscomics einordnen. Vielleicht bin ich da zu romantisch, aber eine tiefe, zärtliche Liebe, die an der miesen Welt da draußen zu scheitern droht – das ist einfach mein Ding. Dann noch die Symbolik der rebellischen blauen Haare und dieser mit Perspektiven und Licht spielende Zeichenstil – wunderschön. Und darf ich nochmal die ästhetischen Bettszenen erwähnen?
„blue“ hat definitv auch etwas für sich; beschreibt es doch die oft so enttäuschende erste Beziehung zu Schulzeiten und das Ungleichgewicht der Gefühle, die so eine Teenagerliebe oft mit sich bringt. Insgesamt macht mich die Reduktion in Zeichnung und Liebe aber nicht so glücklich. So eine unerfüllte Liebe kann schon ernüchternd sein.

 

  • Julie Maroh: Blau ist eine warme Farbe / 156 Seiten / HC / 22,80 EUR / erschienen bei Splitter
  • Kiriko Nananan: blue / 240 Seiten / SC / 14,95 EUR / erschienen bei Schreiber und Leser

 

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