Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Stiche“ von David Small

„Stiche – Erinnerungen“ heißt der autobiografische Comic des amerikanischen Illustrators und Kinderbuchautors David Small, der 2012 erstmals auf Deutsch bei Carlsen erschien (inzwischen nur noch als Paperback erhältlich).
Hätte der Titel mehr über den emotionalen Inhalt des Buches sagen sollen, so wäre ein passendes Wort wohl „Schweigen“ gewesen, denn das ist das große Thema dieses Bandes.

Stiche vom Carlsen Verlag

Worum geht’s?

David Small beschreibt seine Kindheit und Jugend in einem Elternhaus, in dem nur das Nötigste gesprochen wird und Gefühle maximal durch unartikulierte Geräusche zu erahnen sind.
Stilistisch sehr passend sind die schwarz-weißen Zeichnungen, die Hintergründe meist nur andeuten, dafür aber in wenigen Strichen die Mimik und damit die unausgesprochenen Gefühle der vorkommenden Personen darstellen.

Durch den gekonnten Einsatz von Soundwords erhält der Leser einen synästhetischen Eindruck des Grauens, das in dieser Familie steckt. Die Mutter beispielweise ist unfähig, sich auszudrücken und verfällt daher in ein liebloses, nur durch Hüsteln durchbrochenes Schweigen.  Der Bruder prügelt auf sein Schlagzeug ein und der Vater macht gleich gar keine Geräusche, denn er ist so gut wie nie da.

Ein Thema des Comics und in gewisser Weise auch eine Zäsur ist die Krankheit, die den 14-jährigen David befällt und die eine Operation am Hals nach sich zieht – hierher rührt auch der Titel „Stiche“, der Bezug nimmt auf die zurückbleibende OP-Narbe. Später erfährt der Leser gemeinsam mit ihm, worum es sich bei der Krankheit handelt und wie sie überhaupt entstanden ist, denn auch das steht in einem Zusammenhang mit seiner Familie.

Zunächst aber begegnen Davids Eltern und auch die Ärzte seinen Fragen mit weiterem Schweigen. David selbst verliert ironischerweise durch die Operation ein Stimmband und ist damit ungewollt auch zum Schweigen verdammt.

Wie fühlt’s sich an?

Was ich durchweg fühlen konnte, ist die ständige Unklarheit, in der sich der Protagonist bewegt; nicht nur über seine Erkrankung, sondern auch über Schuldfragen, die Gefühle der Eltern, die Beziehungen in der Familie und seine eigene Rolle in der Welt.
Dieser Comic hat mich beeindruckt und bedrückt. Bedrückend ist das unerträgliche Schweigen, das immer wieder die Frage aufwirft, was eine Familie, ja, was der Mensch eigentlich noch ohne Kommunikation ist. Beeindruckend ist nicht nur die visuelle Darstellung der Stille, sondern auch, dass David Small es geschafft hat, aus ihr auszubrechen.

Ein Zitat

Als Erwachsener mit einem Verlust konfrontiert, sitzt David im Auto und schreit, aber:

„Ich schrie nicht aus Ärger oder Wut oder wegen des Verlustes, der bevorstand. Ich hatte gelernt, dass Schreien die Stimmbänder stärkt.“

Was kann ich dem noch hinzufügen? Manchmal muss man wohl schreien, wenn man wieder sprechen will.

Ein Comic für…

  • Hartgesottene, Mediziner, psychologisch Interessierte, Kommunikationstrainer …

Nichts für…

  • Hypochonder, Zartbesaitete, Menschen, in akuten Krisen

David Small: Stiche / 336 Seiten / SC / 14,90 EUR / erschienen bei Carlsen

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