Allgemein · Äpfel mit Birnen - Der hinkende Vergleich

/Äpfel mit Birnen/: „The Coldest City“ (Comic) vs. „Atomic Blonde“ (Film)

Nie zuvor hatte ich von einem Comic namens „The Coldest City“ gehört, als ich vor einigen Monaten im Kino saß und sich plötzlich eine platinblonde Charlize Theron knallhart zu „Blue Monday“ von New Order durchs Berlin der 1980er kämpfte. Ich wusste, ich würde diesen Film lieben. Jetzt, da ich Comic und Film kenne, stellt sich nur die Frage: Liebe ich den Comic auch?

The Coldest City 1

Der Film, zu dem ich diesen Trailer gesehen habe, „Atomic Blonde“, basiert auf dem 2012 bei Oni Press erschienenen Comic „The Coldest City“ von Antony Johnston und Sam Hart. Pünktlich zum Filmstart ist das Buch jetzt auch in Deutschland (bei Cross Cult) erschienen.
Schauen wir uns Film und Vorlage also einmal etwas genauer an.

Die Story

Die Geschichte, die „The Coldest City“ und „Atomic Blonde“ zugrunde liegt, ist recht schnell umrissen: Wir befinden uns in Berlin kurz vor dem Mauerfall. Da der Kalte Krieg in vollem Gange ist, wimmelt die Stadt geradezu von Spionen der verschiedenen Besatzer.

Die britische Agentin Lorraine Broughton wird nach Berlin geschickt, um sich auf die Suche nach einer Liste zu machen, die angeblich die Namen aller in Berlin tätigen Spione enthält und in sowjetischem Besitz ist. Lorraines Kontaktperson ist David Perceval, ein Agent, der schon lange in Berlin ist und sich entsprechend gut auskennt. Nur ist nicht klar, ob Lorraine ihm oder überhaupt irgendjemandem in Berlin trauen kann…

Natürlich unterscheiden sich einige Handlungen und Ereignisse in Film und Buch bzw. werden andere Schwerpunkte gesetzt, doch sind das eher Details, die das Grundkonzept nicht verändern.

Die Figuren 

So viel vorweg: In „Atomic Blonde“ sind fast alle Figuren gegenüber ihren Comic-Pendants deutlich „aufpoliert“ worden. Macht es sie unrealistischer? Vielleicht. Allerdings macht es auch Spaß. Drei Beispiele:

Wirkt Lorraine im Comic wie eine eher unscheinbare, recht ausgemergelte Frau, die sich trotz ihres Jobs und der damit einhergehenden Abgeklärtheit mit Macho-Sprüchen ihrer männlichen Kollegen rumärgert, wird sie im Film (u.a. dank Charlize Theron) ungleich stylischer, attraktiver und einfach saucool dargestellt.

David Perceval ist im Film durch die Besetzung von James McAvoy um bestimmt 15 Jahre verjüngt worden, hat abgenommen und seinen Schnauzbart verloren. Auch wirkt er jetzt weniger wie ein angestaubter Alt-Agent, sondern eher wie jemand, der sich um rein gar keine Regeln schert.

Die deutlichste Änderung aber hat der französische Agent gemacht, der für Lorraine eine größere Rolle spielen wird: Dieser ist im Film nämlich durch eine äußerst attraktive junge Frau ersetzt worden, die noch sehr unerfahren im Spionage-Geschäft ist.

Die Umsetzung

Der Comic erzählt in schwarz-weißen Bildern und schon sehr storyboardähnlichen Panels eine spannende, aber auch (zumindest für mich) stellenweise verwirrende Spionage-Geschichte. Dabei verzichtet er auf viele Details und Hintergründe. Von Berlin ist eigentlich überhaupt nichts zu sehen, die Geschichte könnte auch überall anders auf der Welt spielen.

„Atomic Blonde“ hingegen ist gespickt mit typischen Berlin-Bildern – etwa das schon so oft im Film gesehene Hochhausdach am Alexanderplatz. Unterlegt ist der Film mit den Greatest Hits der 1980er: New Order, The Clash, Peter Schilling, Queen – einfach alle Größen des Jahrzehnts sind irgendwann zu hören.
In der Geschichte selbst geht es auch deutlich actionreicher zu: Schon bei Lorraines Ankunft in Berlin kommt es zu einer spektakulären und rasanten Autofahrt und weitere lebensgefährliche Situationen, Kämpfe und Schießereien lassen nicht auf sich warten. Die Action zieht sich also durch die vollen 115 Minuten. Klar, das muss man mögen. Aber ich persönlich tue das.

Wie fühlt sich’s an?

Ich gebe zu, dass ich mich bisher nicht gründlich mit Spionage-Geschichten beschäftigt habe. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dem Comic stellenweise nicht folgen konnte. Leider ist auch der reduzierte Stil nicht ganz mein Ding, ich sehe eigentlich schon gerne etwas vom Setting. Trotzdem würde ich den Comic als gelungene Agenten-Geschichte bezeichnen, die Fans dieses Genres sicher begeistern kann.

Auch die Verwicklungen im Film habe ich  nicht alle auf Anhieb verstanden. Doch die Aufmachung hat mich darüber sofort hinwegsehen lassen, denn er bietet richtig tolle, beeindruckende Bilder, einen grandiosen Soundtrack und erstklassige Schauspieler.

Ich bin ja nicht selten eine, die über zu protzige oder kitschige amerikanische Verfilmungen meckert, aber bei „Atomic Blonde“ zeigt Hollywood meines Erachtens wirklich einmal, dass es den richtigen Ton treffen kann und glänzende Unterhaltung einfach draufhat.

Also: „The Coldest City“ ist etwas für Fans von Spionage-Thrillern und filmisch aufbereiteten Comics. „Atomic Blonde“ spricht bestimmt eine größere Zielgruppe an: Berliner auf Ausflug in die Geschichte, Action-Fans, Fans der 1980er…
Kurz gesagt: Ich liebe diesen Film. Und den Comic? Na ja. Ich kann verstehen, warum man ihn mag.

  • Antony Johnston und Sam Hart: The Coldest City / 176Seiten / HC / 25 EUR / erschienen bei Cross Cult
  • David Leitch (Regie) / Kurt Johnstad (Drehbuch) / : Atomic Blonde / 115 min

Ein Kommentar zu „/Äpfel mit Birnen/: „The Coldest City“ (Comic) vs. „Atomic Blonde“ (Film)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s