Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Freedom Hospital“ von Hamid Sulaiman

Der Bürgerkrieg in Syrien und seine Auswirkungen auf Europa sind seit Jahren das dominierende Thema in Politik und Medien. Doch was weiß man eigentlich über die Menschen in Syrien, während man hier über Flüchtlinge debattiert? Wenn man Hamid Sulaimans Graphic Novel „Freedom Hospital“ gelesen hat, auf jeden Fall ein bisschen mehr.

Sulaiman_Freedom Hospital 2

Worum geht’s?

Hauptschauplatz dieses Comics ist ein Untergrund-Krankenhaus, in dem Demonstranten und Rebellen gegen das Assad-Regime versorgt werden, die in normalen Krankenhäusern keine Hilfe erfahren würden. Die Protagonistin ist die Pharmazeutin Yasmin, die das Krankenhaus betreibt. In der Graphic Novel des in Paris lebenden Syrers Hamid Sulaiman begleitet man ein Jahr lang sie und elf weitere Menschen im Krankenhaus: Ärzte, Patienten und Mitarbeiter. Im Freedom Hospital sind sie zwar vereint, aber ihre politischen und religiösen Ansichten sind sehr unterschiedlich.

Als Leser verfolgt man die stetige Eskalation des Konflikts, das immer größer werdende Chaos und den Alltag der Menschen in Syrien, die trotz allem irgendwie weiterleben müssen.

Wie fühlt sich’s an?

Mit einem Wort: Hart. Genau so hart wie ich es erwartet hatte. Beim Lesen musste ich immer wieder pausieren, denn in „Freedom Hospital“ wechseln sich Sequenzen von Normalität, Liebesgeständnissen und schlechten Witzen mit Bildern unvorstellbarer Brutalität, Kindersoldaten und zerbombter Straßen ab.

Yasmin ist eine beeindruckende Protagonistin, die standhaft an ihrem Traum von einem Krankenhaus und den Glauben an den Sturz Assads festhält. Sie kämpft unermüdlich, besorgt Geld, behandelt Patienten und arbeitet nebenbei noch an ihrer Dissertation. Dass sie gelegentlich den Rausch sucht, macht sie nur menschlicher und ist in Anbetracht ihrer Situation absolut verständlich.

Überhaupt sind die Motive aller Figuren irgendwie nachvollziehbar. Sulaiman trifft hier – soweit möglich – einen recht neutralen Ton, der den Einzelnen nicht an den Pranger stellt, sondern zeigt: Egal, auf welcher Seite man steht; man muss kein schlechter Mensch sein. (Trotzdem war ich beim Lesen natürlich geneigt, für die vermeintlich „richtige“ Seite mehr Verständnis zu haben.)

Als Vorbilder seiner Arbeit nennt der Autor Joe Sacco und Art Spiegelman, sein Zeichenstil erinnert mich vor allem an Stencil Street Art: Es gibt nur extrem hell und extrem dunkel in relativ großen Flächen – eben wie mit einer Schablone gesprüht. Das lässt nur wenige Details (z.B. in Gesichtern) zu, sodass man sich schon konzentrieren muss, um immer mitzubekommen, wer hier eigentlich wann spricht. Die viele schwarze Tinte führt manchmal (ich nehme an, absichtlich) zu Unschärfe und Unklarheit, was genau eigentlich abgebildet werden soll – vor allem bei Städteansichten ist das auffällig.

Auch folgen traumähnliche auf realistische Sequenzen, sodass man nie ganz sicher sein kann, was „wahr“ ist und was nicht. Das passt hervorragend, denn der Autor selbst sagt im Nachwort, dass die Geschichte eine Mischung aus Fakten und Fiktion ist. Außerdem können Leser wie Figuren im Buch nie wissen, was in diesem Krieg wahr und richtig ist und wem man trauen kann.

Insgesamt bietet Sulaiman mit „Freedom Hospital“ ein erschütterndes, eindringliches Bild des unheimlichen Chaos‘ in Syrien und davon, wie verschiedene Menschen damit umgehen und versuchen, ein normales Leben zu führen und ihre Träume zu verwirklichen.

Wer das aushalten kann und nichts dagegen hat, beim Comiclesen etwas mitdenken zu müssen, dem kann ich diese Graphic Novel empfehlen.

Ein Zitat

Einer der Patienten, Salem, sagt relativ am Ende des Buches zu Yasmin folgenden Satz, der die  Ereignisse und dieses Buch gut zusammenfasst:

„Seit Beginn der Revolution habe ich mit vielen verschiedenen Leuten gelebt und gearbeitet: Dem Oberst, Dir, Abu Taysir, Abu Qatada und all den anderen. Und keiner von Euch hatte Recht und keiner Unrecht. Das Problem ist nicht, Recht oder Unrecht zu haben, Yasmin. Das war es noch nie.“

Ein Comic für … jeden, der sich für das Leben der Menschen in Syrien interessiert und die Brutalität des Krieges in Bildern aushalten kann.

Nichts für… Leser, die auf der Suche nach reiner Unterhaltung sind oder eine plotgetriebene Lektüre brauchen.

Hamid Sulaiman: Freedom Hospital / 288 Seiten / SC / 24 EUR)  erschienen bei Hanser Berlin

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