Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Die Favoritin“ von Matthias Lehmann

Der französische Comiczeichner, der sich Matthias Lehmann nennt (und leicht mit dem Namensvetter aus Dresden zu verwechseln ist), brachte 2016 sein erstes Werk auf den deutschen Markt. Der Carlsen Verlag veröffentlichte „Die Favoritin“  und damit 160 Seiten voll menschlicher Abgründe.

Matthias Lehmann_Die Favoritin

Unmöglich, etwas über das Buch zu schreiben, ohne zumindest einen inhaltlichen Wende- und Knackpunkt zu nennen. Hier also eine Rezension mit unvermeidbarem Spoiler.

Worum geht’s?

Schon auf der ersten Seite erfährt man, wohin die Reise geht, wenn Matthias Lehmann seinen Ich-Erzähler sagen lässt: „Als Kind hatte ich unbändige Angst vor Großmutters Dachboden“. Man sieht eine ältere Dame mit unerbittlichem Gesichtsausdruck, die einem vor Angst schlotterndem Kind gegenüber steht.
Auf den folgenden Seiten wird aus der Sicht des inzwischen erwachsenen Erzählers eine unvorstellbar schreckliche Kindheitsgeschichte erzählt. Anders als man im ersten Panel denkt, ist das Kind mit dem Kleid und den langen Haaren nämlich kein Mädchen, sondern ein Junge, der lediglich von dieser Frau als Enkeltochter erzogen wird. Wo eigentlich die Eltern des Kindes sind, bleibt zunächst unklar. Zusätzlich zu der seelischen Misshandlung (zu der eben auch zählt, dass das Kind nächtelang auf dem Dachboden eingeschlossen wird), besteht die großmütterliche „Erziehung“ aus roher körperlicher Gewalt.

Der Großvater gewährt dem Kind immer mal wieder kleine Freiheiten oder bringt heimlich Abendessen auf den Dachboden, schaut aber ansonsten weg und schweigt, wenn seine Frau ihre sadistischen Ausbrüche bekommt. In holzschnittartigen Bildern werden dem Leser immer wieder von Angst und  Hass verzerrte Fratzen sowie die erbärmliche Feigheit des Großvaters vor Augen geführt.

Eine Wende nimmt die Geschichte, als ein portugiesisches Ehepaar, das als Hausmeister und Haushaltshilfe angestellt wird, mit seinen Kindern ins Wartehäuschen am Rande des weitläufigen Grundstücks einzieht und der Protagonist zum ersten Mal Kontakt zur Außenwelt erhält. Die Gegenwart dieser einfachen Familie gibt ihm Orientierung in Bezug auf seine eigene männliche Identität und ein Bild von Normalität, das er bisher nicht kannte. Auf den letzten Seiten schließlich erklärt Lehmann auch, was es mit der Abwesenheit der Eltern auf sich hat und wie diese unheimliche Leidensgeschichte ihr Ende findet.

Wie fühlt sich‘s an?

Dass Matthias Lehmann imstande ist, sämtliche Facetten der Bösartigkeit des menschlichen Geistes darzustellen, hat er mit „Die Favoritin“ bewiesen. Definitiv passend sind auch die teils komplett schwarzen Hintergründe, die extremen Schraffuren und die sich ständig verändernde, unruhige Seitenarchitektur. Nachdem ich den Schock der ersten Seiten überwunden hatte, ließ mich diese Aneinanderreihung an Grausamkeiten allerdings seltsam kalt. Der Mensch ist schlecht und fähig, seinesgleichen schlimmstmögliches Leid zuzufügen, das ist mir nach wie vor klar.

Unklar ist mir allerdings, was ich nun mit dieser Lektüre anfangen soll. Vielleicht ist mir selbst zu sehr bewusst, dass die Welt schlecht ist, als dass ich noch einen Mehrwert aus diesem Comic ziehen könnte. Ein Fan von krankhaft-brutaler Gewalt in Büchern werde ich jedenfalls nicht mehr und so blicke ich eher unberührt auf dieses Buch zurück. Gut möglich, dass es andere Leser auf einer anderen Ebene verstehen und zu schätzen wissen.

Ein Zitat

Als die Großmutter mit hohem Fieber im Bett liegt, beginnt der Protagonist ein Vaterunser und setzt hinzu:

„…Lieber Gott, bitte lass Großmutter heute Nacht sterben!“.

Ein Comic für…

Genderforscher, Holzschnittfans, Freunde von brutal-plakativen Gewaltszenen in Büchern

Nichts für…

Mich (und Menschen, die durch Gewaltdarstellungen an Kindern getriggert werden könnten).

  • Matthias Lehmann: Die Favoritin / 160 Seiten / HC / 17,99 EUR / erschienen bei Carlsen

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