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/Nähkästchen/: „Der arabische Comic – künstlerisch hochwertig und hochpolitisch“ – Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Dass auch im Nahen Osten Comics entstehen, dürfte spätestens seit Marjane Satrapis „Persepolis“ so ziemlich jedem Interessierten bekannt sein. Doch mit welchen Problemen haben arabische Künstler und Verlage heutzutage eigentlich zu kämpfen? Und was ist das Besondere an ihren Comics? Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 ging eine Podiumsdiskussion diesen Fragen auf den Grund.

Gastland Frankreich und Comics auf der Buchmesse 2017

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Nur ein Blick auf den Innenhof der Frankfurter Buchmesse ließ erkennen, dass Comics im Jahr 2017 zur Buchkultur einfach dazugehören. Nun ja, zumindest gilt das für das Gastland Frankreich und seinen größten Export-Schlager Asterix. Eine riesige Figur des eigentlich kleinen Galliers war nämlich schon von weitem zu sehen.

Im Gastland-Pavillon konnte man sich dann von der Vielfalt der französischen Comickultur überzeugen – von Kindercomics wie „Ariol“ ( Emmanuel Guibert/Marc Boutavant) über Biografien wie „California Dreamin‘“ (Pénélope Bagieu) bis hin zum französischen Autor Riad Sattouf, der in seiner Comicserie „Der Araber von morgen“ von seiner Kindheit und Syrien und Libyen erzählt.

Der arabische Comic heute – Themen und Stile

Und wie steht es um die Comicmacher, die heute noch in arabischen Ländern leben? Das Goethe-Institut Ägypten, das Institut Francais d’Egypt und der Deutsch-französische Kulturfonds hatten am 13. Oktober 2017 vier Gäste zum Gespräch eingeladen, die genau davon berichten können.

Was den arabischen Comic heute ausmacht, darin waren sich die libanesische Comickünstlerin Lena Merhej und Didier Dutour vom Institut Francais einig: Sie richten sich vor allem an Erwachsene, sind politisch und gesellschaftskritisch. (Ein Beispiel für diese Art Comic ist übrigens „Freedom Hospital“ von Hamid Sulaiman)

Allerdings, so Comiczeichner und Initiator des ägyptischen Comicmagazins Tok Tok Mohammed Shennawy, war nicht erst der Arabische Frühling ausschlaggebend für diese Entwicklung der Comics, denn schon vor der Revolution habe es viele kleinere Proteste und auch Unternehmungen von Comickünstlern gegeben. Jedoch ist die arabische Gesellschaft erst nach und nach bereit dafür, solche Arbeiten auch wahrzunehmen und zu lesen. Die visuelle Kultur sei durch die Karikaturen, Bilder und Comics, die während der Proteste im Internet verbreitet wurden, stetig gewachsen. Schön zu sehen, wie ich finde, dass aus politisch so unruhigen Zeiten dann doch noch etwas Positives wie eine künstlerische „Sprache“ entstehen kann.

Wie vielfältig die Arbeiten der arabischen Comiczeichner sind, davon wusste der einzige deutsche Teilnehmer der Runde, Comiczeichner Reinhard Kleist zu erzählen. Im Auftrag des Goethe Instituts hat er Workshops für angehende Comiczeichner in arabischen Ländern gegeben und war beeindruckt von den unterschiedlichen Stilen der Teilnehmer: Vom Manga-Stil über Frank Miller als Vorbild bis hin zu frankobelgischen Einflüssen sei alles dabei gewesen. Vor allem aber suchten die arabischen Künstler wie Comiczeichner überall einfach ihren eigenen, unverwechselbaren Stil.
„Die Grundbedürfnisse sind doch überall gleich“, fasste Kleist zusammen und erzählte von arabischen Cosplayern und Superhelden-Fans.

Problematik I für arabische Comicmacher: Zensur und Tabus

FBM arabische Comics

Was aber sind die Probleme der arabischen Comicwelt? Mohammed Shennawy ist auch Direktor des Comicfestivals CairoComix und erzählte von den Schwierigkeiten bei der Organisation des Festivals. Zum einen sei der finanzielle Aspekt entscheidend; um genug Geld dafür zusammenzukriegen sei die Kooperation mit Organisationen wie dem Goethe-Institut und dem Institut Francais unabdingbar. Auf die Nachfrage von Lena Merhej gab er auch zu, dass der Veranstaltungsort – die American University of Cairo – eine gewisse Sicherheit vor polizeilichen Eingriffen gewährt. Gern würde er das Festival an einem größeren öffentlichen Ort wie dem Opernhaus veranstalten, aber dort sei es einfach weniger sicher als an einer Privatschule und das Risiko der Zensur wäre höher.

Um Comics zu veröffentlichen, brauche man zwar in Ägypten keine Genehmigung oder Lizenz, aber Zensur gebe es dennoch – eben nach Veröffentlichung, wenn z.B. eine Beschwerde eingereicht wird. Dann komme es auch immer wieder zu Beschlagnahmungen, so Shennawy. Lena Merhej hält es ebenfalls für keinen sicheren Job, im arabischen Raum Comickünstler zu sein – der Vorwurf der Blasphemie wurde ihr in der Vergangenheit schon gemacht.

So merkte auch Reinhard Kleist, dass die Teilnehmer seiner Workshops aufgrund von Tabus und Zensurbefürchtungen manchmal harmlos wirkende Geschichten erzählen, die erst später eine politische Dimension bekommen oder die Situation im Land auf eine persönliche, verschlüsselte Art darstellen.

Problematik II für arabische Comicmacher: Fehlende Strukturen

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Im französischen Comic-Verlag Actes Sud BD erscheint im November die Kurzgeschichtensammlung arabischer Künstler „Short – La nouvele bande dessinée arabe“. Auf die Frage, wie die Künstler für diesen Band ausgesucht wurden, spricht Didier Dutour von einer „natürlichen Selektion“ – was man in dem Band sehe sei die Reflexion der arabischen Comicbewegung der letzten Jahre. Für Mohammed Shennawy ist es besonders wichtig, dass dieser Band die Professionalität der arabischen Comickünstler herausstellt, denn in den Ländern fehle es leider an Verlagsstrukturen für Comics. Er habe die Hoffnung, dass es den arabischen Künstlern wie ihren französischen Kollegen früher gelingen kann, mit diesen Kurzgeschichten den Grundstein für eine Karriere zu legen und irgendwann auch längere Arbeiten veröffentlichen zu können.

Amira El Ahl stellte fest, dass Comiczeichner in der arabischen Welt vom Marketing bis Druckerei viel in Eigenregie machen müssen, um ihre Werke zu veröffentlichen und wollte wissen, ob das nicht von der Kunst abhalte. Lena Merhej konnte das nur bestätigen. Viele Künstler leiden darunter, so viele Rollen gleichzeitig einnehmen zu müssen. Auch sie selbst wünsche sich professionelle Unterstützung von Leuten aus dem Buchmarkt. Libanesische Verleger jedoch hätten leider Angst vor Comics. Die Vorurteile, Comics können nicht ernst sein und man könne sie deshalb nicht an Schulen verkaufen, halten sich hartnäckig – gerade Schulen seien aber für den Buchmarkt im Libanon der wichtigste Abnehmer.

Die Zusammenfassung Shennawys war, dass es viel Erfahrung, Zeit und Geld brauche, einen Comic zu veröffentlichen – zur Zeit fehle das alles im arabischen Raum noch. Auch Dutour hält es für wichtig, dass sich die arabischen Strukturen an dieser Stelle noch weiter entwickeln.

Internet und Gender – Status Quo und Perspektiven des arabischen Comics

Ob Online-Comics nicht eine günstige, leicht zugängliche Alternative zum gedruckten Buch wären, lautete eine Frage aus dem Publikum. Solche Projekte gebe es schon seit längerem, so Merhej, außerdem helfe das Internet den arabischen Comickünstlern, sich zu vernetzen. Allerdings, warf Dutour ein, ist ein Buch ein Buch und das Internet könne Bücher nicht ersetzen. Auch Kleist bestätigte, dass man als Künstler sein Werk schon gedruckt sehen möchte – das gelte im arabischen Raum genauso wie in Europa.

Einen Unterschied zum europäischen Comic gibt es aber doch: Ist hierzulande der Markt noch deutlich männlich dominiert, habe Kleist in seinen Workshops in Ägypten ein 50:50-Verhältnis von männlichen und weiblichen Teilnehmern erlebt. Da es im Libanon keine Comicgeschichte gebe und einfach alles neu sei, gebe es dort viele Zeichnerinnen, bestätigte auch Merhej. Shennawy wusste zu ergänzen, dass der Grand Prix des Comicfestival Cairo Comix dieses Jahr an eine junge Frau und ihren Online-Comic ging. Alles in allem scheint die arabische Comicwelt zumindest in diesem Punkt der westlichen einen Schritt voraus zu sein.

Nach den Wünschen für die Zukunft des arabischen Comics gefragt, war sich die Diskussionsrunde einig: Es brauche mehr Professionalität beim Verlegen und eine bessere Drucktechnik, um richtig hochwertige Produkte erstellen zu können und es den Künstlern zu ermöglichen zu können, von ihrer Arbeit zu leben. Außerdem werde noch ein Verlag für die Übersetzung von „Short“ gesucht.
Bleibt zu hoffen, dass sich diese Wünsche in den nächsten Jahren erfüllen.

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