Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Ideal Standard“ von Aude Picault

Eine heterosexuelle Single-Frau über 30. Ein anspruchsvoller Job. Haarspray, Mascara und Schwierigkeiten bei der Kleiderwahl vor dem ersten Date. Gespräche über chauvinistische oder verkorkste Männer.  – Keine Sorge, hier geht’s nicht um Sex and the City, sondern um eine kürzlich erschienene Graphic Novel von Aude Picault. Und die ist gar nicht oberflächlich und klischeehaft, sondern einfühlsam und authentisch. Ganz ohne hysterisches Gekicher und begehbare Kleiderschränke. Aber auch ohne Zeigefinger. Versprochen.

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Worum geht’s?

Kurz gesagt: Claire arbeitet als Krankenschwester auf der Säuglingsstation. Sie ist Mitte 30 und auf der Suche nach einem Mann, mit dem sie mehr verbindet als ein paar heiße Nächte. Als sie ihn dann findet, stellt sie fest, dass eine Beziehung auch nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern eigentlich sogar neue macht.

So banal das auch klingen mag, in „Ideal Standard“ geht es um die wirklich großen Fragen: Was ist eigentlich Liebe? Wie funktioniert eine Beziehung? Wie weit sind wir mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag wirklich? Welche Ansprüche werden an die Geschlechter gestellt und wo zieht man Grenzen für sich?

Wie fühlt sich’s an?

Ach, es ist so schwer, diesem tollen Buch gerecht zu werden. Natürlich ist die Geschichte an sich nicht bahnbrechend neu und Claire ist auch gar keine besonders aufregende Figur. Dennoch konnte ich nicht aufhören zu lesen und habe mich mit ihr geärgert, gegrämt und gefreut.

Das liegt an zwei Punkten: Claire ist eine Frau, wie man sie auch im eigenen Freundeskreis finden könnte: Liebevoll und intelligent, gewissenhaft und mittelmäßig hübsch. Es fällt sehr leicht, sich mit ihr zu identifizieren oder sie zumindest gern zu haben. Und dann hat Aude Picault auch eine so warmherzige und witzige Art zu erzählen, dass es einfach Spaß macht, der Protagonistin auf ihrem Weg zu folgen.

Ja, es macht Spaß, aber gleichzeitig sind die Themen des Buches auch sehr ernst: Wenn die Mutter sich wundert, dass junge Leute keine festen Bindungen mehr eingehen wollen, später aber zugibt, dass sie die frühe Hochzeit mit dem Vater bereut. Wenn die Kollegin im Pausengespräch wissen will, wie es mit der Liebe denn so läuft und es gerade gar nicht läuft. Wenn die Schwiegermutter fragt, wann sie denn endlich mit einem Enkel rechnen kann, die Beziehung aber gerade mitten in einer Krise steckt. Oder wenn der Partner beleidigt von Freuds Theorie des „infantilen klitoralen Orgasmus“ redet, weil Claire mit ihm darüber sprechen möchte, dass sie bisher mit ihm nicht zum Höhepunkt gekommen ist.

Aude Picault trifft aber auch in diesen ernsten (und zuweilen äußerst ärgerlichen!) Teilen des Comics einen Ton, der nicht belehrend oder moralisierend ist, sondern einfach ehrlich und angenehm. Sie zwingt es ihren Lesern nicht auf, aber sie werden trotzdem sicher früher oder später darüber nachdenken. Auf eine ungezwungene Weise.

Auch die Zeichnungen tragen dazu bei, dass das funktioniert. Zugegebenermaßen war ich beim ersten Durchblättern noch wenig begeistert – dafür waren sie mir wohl etwas zu dezent. Doch während des Lesens habe ich den runden, cartoonigen Stil mit dem sehr sparsamen Farbeinsatz (rosa, hellblau, gelb) durchaus schätzen gelernt. Es sieht aus wie „nebenbei“ gezeichnet, direkt aus dem Leben, aber sehr klar und überhaupt nicht krakelig. Ich würde mich jetzt fast so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass das absolut gewollt ist und die Botschaft trägt: Lass Dich nicht von Chi-Chi und einem durchgestylten Auftritt ablenken, sondern erkenne die „innere“ Schönheit. Aber vielleicht ist das auch nur meine Interpretation. 😉

Ein Zitat

Eine sehr positive – für mich die schönste – Stelle ist, als Claires Mutter, die ansonsten viel redet und wenig zuhört, ihre Vorstellungen vom „richtigen“ Leben beiseite schiebt und sagt:

„Ich will doch nur, dass du glücklich bist, Liebes“

Genau. Das sollte doch das Ziel jedes Menschen sein: Die Konventionen vergessen und das tun, was glücklich macht.

Einen letzten Gedanken muss ich noch zum Männerbild in „Ideal Standard“ loswerden: Es ist wahr, Männer kommen bis auf wenige Ausnahmen hier nicht so gut weg. Claires Vater hat die Familie verlassen, der Bruder ist ein Faulpelz, die Liebhaber haben Bindungsangst, der Partner ist ein Macho. Man könnte jetzt sagen, dass das unfair ist gegenüber Männern, die anders sind. Das mag sein, aber es ist (leider) auch nicht unrealistisch. Und solange die Welt voll ist von solchen Herren, haben Bücher wie dieses auf jeden Fall ihre Berechtigung.

„Ideal Standard“ ist eine ebenso unterhaltsame wie wichtige Lektüre. 100% Empfehlung!

Ein Comic für…  wenn’s nach mir geht: Jeden.

Aude Picault / Ideal Standard / 160 Seiten / HC / 24 EUR / erschienen bei Reprodukt

 

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