Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Bataclan – Wie ich überlebte“ von Fred Dewilde

In Europa leben wir seit geraumer Zeit in der Gewissheit, dass Terror überall und jederzeit passieren kann. Unvorstellbar, wie es sich anfühlt, bei einem Anschlag dabei zu sein. Der französische Grafiker Fred Dewilde musste diese Erfahrung machen und verarbeitete sie in einem Comicalbum.

Fred Dewilde_Bataclan

Worum geht’s?

Am 13. November 2015 stürmten schwer bewaffnete islamistische Terroristen ein Konzert der Rockband Eagles of Deathmetal im Pariser Konzertsaal Bataclan. Sie schossen mit Sturmgewehren um sich und warfen Handgranaten in das Publikum – 90 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Fred Dewilde war unter den Konzertbesuchern und erlebte auf dem Boden liegend den ganzen Horror mit.

In „Bataclan – Wie ich überlebte“ schildert er seine Erlebnisse des Abends auf etwa 20 Seiten Comic und schreibt im umfangreichen Anhang über die Zeit danach: über Psychotherapie, Treffen mit anderen Opfern, seine politischen Ansichten, die Probleme der französischen Gesellschaft und den Versuch, wieder ein normales Leben zu führen.

Wie fühlt sich’s an?

Dewilde erinnert sich in schwarz-weißen, durch starke Schraffuren geprägten Bildern an die schrecklichen Ereignisse. Es gibt im Comicteil keine einheitliche Seitenarchitektur, die Panels zersplittern zum Teil oder füllen fast eine ganze Seite aus – sie erscheinen eben so, wie Dewilde das Erlebte wahrgenommen hat. Auch die Perspektiven ändern sich daher ständig. Mal sieht man zwei Hände, Füße oder Gesichter im Close-up, dann wieder Dewilde und andere Menschen aus einiger Entfernung; mal einen skizzierten Saalplan, dann den Saal mit all den Toten und Verletzten.

Diese persönliche Sicht verdeutlicht dem Leser, wie in etwa es sich angefühlt haben muss, dort zwischen all den Verletzten und Toten zu liegen. Auch schafft es Dewilde zu vermitteln, wie es ihm half, sich ganz auf die Begegnung mit einer jungen Frau zu konzentrieren, die neben ihm lag. Der Kontakt zu der Verletzten schuf für ihn einen kleinen Raum der Menschlichkeit inmitten des Schreckens, an dem er sich während und nach dem Anschlag festhalten konnte.

Überhaupt ist eine der eindringlichsten Botschaften des 48-seitigen Albums die Wichtigkeit von Menschlichkeit. Und obwohl ich ihm Recht geben muss, wenn er schreibt, dass Außenstehende seine Gedanken und Gefühle niemals ganz verstehen werden, so dringt doch immerhin diese Message ganz deutlich durch.

Allein für diesen Appell an die Menschlichkeit, aber auch als Zeitzeugnis und in Erinnerung an die vielen Opfer lohnt sich dieses Buch.

Ein Zitat

„Wir müssen unserem Leben wieder einen Sinn geben, außerhalb der Tatsache, dass wir aus purem Zufall noch da sind.“

  • Fred Dewilde: Bataclan – Wie ich überlebte / 48 Seiten / HC / 16,99 EUR / erschienen bei Panini Comics

 

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