Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Dare to disappoint“ von Özge Samanci

„It is ridiculous how much I can relate to this book’s character“, schrieb mir meine seit kurzem in den USA lebende türkische Freundin, als sie mir diesen Comic schickte. Verfasst ist er von einer ebenfalls in den USA lebenden Türkin, die darin ihre Kindheit und Jugend verarbeitet. Wie viel Anreiz braucht man noch, um ein Buch unbedingt sofort lesen zu wollen?

Dare to disappoint

Worum geht’s?

In dem autobiografischen Comic beschreibt Özge Samanci, wie sie in den 80er Jahren im Küstenort Izmir aufwuchs. Ihre Schulzeit war geprägt von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, ideologischer Beeinflussung durch Lehrer und dem ständigen Leistungsdruck, um die bestmögliche Bildung zu erhalten.

Währenddessen kämpfen ihre Eltern gegen die Verarmung, ihrer Schwester scheint die perfekte Schullaufbahn mühelos zu gelingen und absolviert später ein Elite-Studium in einer vom Vater gewünschten Fachrichtung. Özge versucht, es ihr gleichzutun, scheitert aber immer wieder an ihrer abenteuerlustigen, chaotischen Art, ihrem Gerechtigkeitssinn und dem Wunsch, sich selbst zu verwirklichen.

Wie fühlt sich’s an?

Die Türkei ist ein Land, das hierzulande vielleicht allgegenwärtig scheint und bis vor einigen Jahren auch noch eins der beliebtesten Urlaubsziele war, doch ein klares Bild vom Leben der Türken in ihrer Heimat können sich wohl die wenigsten Deutschen machen.

Mir zumindest ging es so, als ich das Buch aufschlug. Einen kleinen Ausschnitt kannte ich zwar von Besuchen bei meiner erwähnten Freundin, aber zum einen fehlte mir natürlich der Blick in die Vergangenheit, zum anderen auch die Einordnung in „das große Ganze“. Das gelingt Özge Samanci in ihrem Comic durch den teils collagenartigen Stil mit alten Dokumenten, Briefmarken und Landkarten ganz hervorragend.

Als Leser lernt man so etwas über die türkische Bevölkerung vor fast 40 Jahren, die unter Korruption, einer Zwei-Klassen-Gesellschaft und zunehmendem Einfluss des konservativen Islams leidet. Gleichzeitig erhält man einen sehr persönlichen Einblick in das Leben der Protagonistin. Die Autorin nutzt dafür einen reduzierten Cartoon-Stil mit Kulleraugen, Stupsnasen und Strichmündern,  einfache Hintergründe und offene Panels ohne klare Abgrenzung.

Auf diese Art erlebt man mit, wie Özge erst die Schulzeit mit all den Examen und Aufnahmeprüfungen, den linientreuen Lehrern und den sozialen Ungerechtigkeiten übersteht. Später unternimmt sie den Versuch, entgegen der konservativen Strömungen eine unabhängige, starke Frau zu werden, dabei den Ansprüchen ihres sehr strengen und kritischen Vaters zu genügen und eine Möglichkeit zu finden, sich trotzdem als Künstlerin zu verwirklichen.

Immer wieder erstaunlich zu sehen, dass, egal, woher man kommt, unter welchen Umständen und in welchen Zeiten man aufwächst, die Probleme doch überall dieselben sind. „Dare to disappoint“ ist ein Buch, das einem das vor Augen führt, aber auch ein Aufruf, der nicht nur für junge Türkinnen gilt: Ansprüchen konservativer Eltern,  scheinbar perfekten Geschwistern, gesellschaftlichen Missständen, dem Gefühl, nicht reinzupassen in diese Welt einfach zu trotzen… Glücklich zu werden gelingt wohl nur, wenn man sich traut, zu enttäuschen.

Ein Comic für… Autobiografie-Leser, Frauen, die sich Unabhängigkeit wünschen,  interkulturell Interessierte

Nichts für… Action-Addicts, Politikverdrossene

  • Dare to disappoint / Özge Samanci / 200 Seiten / SC / USD 16,99 / erschienen bei Macmillan Publishers

Ein Kommentar zu „/Ans Eingemachte/: „Dare to disappoint“ von Özge Samanci

  1. My dearest, thank you so very much for this brilliantly written article! Considering how much I admire your blog, I knew your this article too would be amazing <3. The postcards made me quite emotional too ^.^ I look forward to our next meeting!

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