Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Spinning“ von Tillie Walden

Menschen, die ein leidenschaftliches Hobby haben, finden ja oft Metaphern fürs Leben darin. Tillie Walden hat in ihrer Jugend einen Großteil ihrer Freizeit auf dem Eis verbracht und stellt in diesem autobiografischen Comic eine Verbindung zwischen Eiskunstlauf und Erwachsenwerden her. Und bleibt dabei selbst fast kalt wie Eis.

Tillie Walden_Spinning_1

Worum geht’s?

Tillie lebt mit ihrer Familie in New Jersey. Ihre gesamte Freizeit verbringt sie auf dem Eis – morgens Einzeltraining, nachmittags Synchron-Training mit dem Team. Das Training ist hart, aber Routine. Diese wird jäh durchbrochen, als ihre Eltern beschließen, nach Texas umzuziehen. Tillie kommt auf eine neue Schule, in ein neues Team mit neuen Trainern.

Obwohl Eiskunstlauf im Vordergrund des Buchs steht, ist sein hintergründiges Hauptthema Tillies Einsamkeit. Sie findet keinen Anschluss, keine Freunde, keine Liebe. Zusätzlich passieren einige traumatische Dinge (ein Unfall, sexuelle Belästigung, ihr eigenes Outing…), die sie prägen und weiter isolieren.

Wie fühlt sich’s an?

Diese Autobiografie kann sicher ohne weiteres in die Kategorie „Coming-of-Age“ eingeordnet werden. Tillie fühlt sich ungeliebt, vernachlässigt, schuldig und hilflos  – das alles ist ebenso typisch wie nachvollziehbar. Auch ihr Wunsch nach Kontrolle und einem selbstbestimmten Leben leuchten mir total ein.

Das große ABER: Mir persönlich blieb Tillie dennoch völlig fremd. Ich musste eine Weile darüber nachdenken, woher das kommt und denke, es liegt zum Teil daran: Tillie kann zu keiner einzigen Figur im Buch eine richtige Verbindung aufbauen kann, sodass es auch mir schwerfällt, eine zu finden. Ihre Isolation tut mir zwar leid – vor allem das Desinteresse der Eltern an ihrer Tochter schmerzt – , aber Tillie lässt auch niemanden an sich heran. Nicht ihre Mitschüler, nicht ihr Team, nicht einmal ihren Zwillingsbruder. Und eben auch nicht den Leser.

Dustin Cabeal vergleicht „Spinning“ in seiner Rezension auf comicbastards.com mit „This One Summer“ (dt.:“Ein Sommer am See“, bei Reprodukt) von Mariko und Jillian Tamaki:

While they are different narratives, one being fiction and the other, Spinning, being a memoir, they are awe inspiring stories. It has been a long time since something from First Second has touched me the way that This One Summer did. Spinning moved me.

Dieser Vergleich hat mich sehr überrascht. Zwar sehe ich die oberflächliche Ähnlichkeit der beiden jungen Protagonistinnen, die auf der Suche nach sich selbst sind, erste (homo-) sexuelle Erfahrungen machen und Probleme mit ihren Eltern haben. Doch „Spinning“ hat nichts von der Leichtigkeit in „Ein Sommer am See“, es gibt so gut wie keine glücklichen Momente und keine Wärme zwischen den Figuren.

Das spiegelt sich in den Zeichnungen allerdings perfekt wider: Der Stil ist reduziert, einfach und clean. Die vorwiegende Farbe ist dunkelblau, ab und zu durchbrochen von gelben Flächen. Das passt sowohl zur kühlen, kontrollierten Protagonistin als auch zum eleganten Eiskunstlauf, der den Großteil von Tillies Leben einnimmt.

Möglicherweise ist auch das ein Grund, warum mich „Spinning“ nicht für sich gewinnen konnte, denn Eiskunstlauf ist für mich so uninteressant wie Skilanglauf, Leichtathletik oder Golf. Mag sein, dass mir auch dadurch einige Emotionalität an Tillies Geschichte verschlossen blieb und andere sich hier eher abgeholt fühlen.

Für mich war „Spinning“ jedenfalls zwar kein schlechtes Buch, aber eben auch kein besonderer Lesegenuss.

Ein Comic für: Sportlerinnen, Eiskunstlauf-Fans

Nichts für: mich

  • Spinning/ Tillie Walden / 396 Seiten / SC / USD 17,99 / erschienen bei First Second

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