Allgemein · Äpfel mit Birnen - Der hinkende Vergleich

/Äpfel mit Birnen/: „Die Stadt der träumenden Bücher“ Roman vs. Comic, Teil 1

Dies ist ein unfairer Vergleich. Jeder weiß, dass das Original immer besser ist als das Cover. Und dann geht es hier auch noch um einen meiner Lieblingsromane. Also: Finger weg von der Comicadaption? Ey nee, auf keinen Fall!

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Worum geht’s?

Wir befinden uns in Walter Moers‘ Fantasiewelt Zamonien. Hildegunst von Mythenmetz gehört zum Schriftstellervolk der Lindwürmer. Als sein Dichterpate stirbt, erbt er das Manuskript eines Unbekannten, das von unglaublicher Qualität ist. Um herauszufinden, wer der unbekannte Autor ist und um Inspiration für das eigene Schaffen zu finden, macht sich Hildengunst auf nach Buchhaim, der ältesten Siedlung und Bücherstadt Zamoniens. So stürzt er sich in sein erstes großes Abenteuer voller Mythen und Magie, aber auch voller Gefahren und grotesker Geschöpfe.

Die Story

Wie schon erwähnt, „Die Stadt der träumenden Bücher“ gehört zu meinen Lieblingsromanen. Selten habe ich ein Buch mit einer solch fantasievollen und gleichzeitig anschaulichen Welt gelesen. Sich als Bücherfreund in Zamonien zuhause zu fühlen, geht wahnsinnig schnell – das liegt an den raschelnden Seiten, speckigen Ledereinbänden, knarrenden Antiquariatstüren. Die Figuren sind vom dinsaurierartigen Protagonisten über die zyklopischen Buchlinge bis hin zum düsteren Schattenkönig alle durchweg originell und gut ausgearbeitet. Der Plot ist spannend, lustig und einfallsreich. Der Spannungsbogen wird trotz der vielen Details und Hintergrundinformationen nie unterbrochen, zudem liefern amüsante Fußnoten (die Anmerkungen des Übersetzers aus dem Zamonischen) noch mehr Einzelheiten und Spezialwissen.

Band 1 des Comics umfasst ziemlich genau die Hälfte der Romanhandlung, vom Start Hildegunsts Reise auf der Lindwurmfeste bis hin zur Zwischenstation in der ledernen Grotte der Buchlinge. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Geschichte des Romans für den Comic stark gekürzt wurde. Obwohl der Comic auf zwei Bände aufgeteilt ist, mussten viele der Atmosphäre schaffenden Kleinigkeiten und Nebenhandlungen wegen der geringeren Seitenzahl und anderen Erzählweise weichen. Man erfährt weniger über die magische Welt von Zamonien und Hildegunsts Leben, was leider etwas den Zauber nimmt. Allerdings wird das durch die stimmungsvollen Bilder wettgemacht. Außerdem ist dem ersten Comicband ein Glossar mit den wichtigsten zamonischen Begriffen angefügt, das eine gute Ergänzung zur verkürzten Story liefert.

Die Optik

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Die Illustrationen des Romans stammen vom Autor selbst. Die schwarz-weißen, stark schraffierten Zeichnungen bereichern den Roman mit leicht düsteren Elementen wie Kerzen, fiesem Ungeziefer und zahllosen Büchern. Sie geben auch den tierartigen Figuren ein unverwechselbares, cartooniges Äußeres. Die Buchlinge zum Beispiel haben mich durch ihre zauberhafte Glotzmimik mehrfach zum Lachen gebracht.
Auch typografisch ist der Roman sehr schön gemacht – an den richtigen Stellen werden besondere Schriftarten und sogar zamonische Zahlen eingesetzt. Auch das gehört zu den liebevollen Details, die das Buch so großartig machen.

Walter Moers hat auch das Szenario für den Comic skizziert. Umgesetzt hat ihn allerdings Florian Biege, der auch schon die Illustrationen für die farbige Ausgabe von „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ geliefert hat. Auch die Comicadaption von „Die Stadt der träumenden Bücher“ ist farbig gestaltet. Die erdigen Töne passen zum gemütlichen, bibliophilen Setting. Da ich Zeichnungen grundsätzlich bevorzuge, musste ich mich an die Computeroptik des Comics erst gewöhnen. Das ging aber dank der schönen Farben und der großartigen Lichteffekte sehr schnell: Die Fackeln in den Katakomben von Buchhaim, das schummerige Licht in den Antiquariaten und die mondbeschienene Nacht kommen in der Comicversion einfach wunderschön rüber. Außerdem liebe ich die Hintergründe, die sehr liebevoll und kleinteilig illustriert sind sowie die magischen Elemente – allen voran das traumhafte Trompaunenkonzert. Kleines Manko des Comics: Moers und Biege wollten offensichtlich möglichst viele Details aus dem Roman auch im Comic unterbringen. Daher wurden die Ausführungen des Ich-Erzählers in Teilen übernommen, was zu unangenehm viel Text auf manchen Seiten führt. Zum Glück wird das durch die verschiedenen Schriftarten für Dialog und Erzähltext noch etwas aufgelockert. Trotzdem: Ein paar Seiten mehr und dafür weniger Text hätten dem Comic gut getan.

Fazit

Eins steht fest: Spaß machen beide Bücher. Die Geschichte um den literaturbegeisterten Lindwurm ist in jeder Form ein Genuss und eine besondere Empfehlung für alle Bibliophilen. Wo der Roman durch Detailreichtum, Wortwitz und Moers‘ witzig illustrierten Figuren unterhält, begeistert der Comic durch die tollen Farben und wunderschönen Hintergründe – da kann man die verkürzte Handlung durchaus verkraften.

Am besten, man liest einfach beides!

  • Roman: Walter Moers / Die Stadt der träumenden Bücher / 464 Seiten / HC mit Schutzumschlag / EUR 28,- / neu erschienen bei Knaus
  • Comic: Walter Moers und Florian Biege / Die Stadt der träumenden Bücher, Teil 1: Buchhaim / 112 Seiten / HC / EUR 25,- / erschienen bei Knaus

2 Kommentare zu „/Äpfel mit Birnen/: „Die Stadt der träumenden Bücher“ Roman vs. Comic, Teil 1

  1. Ein interessanter Vergleich, der mich in meinem Vorhaben noch bestärkt. Nachdem ich die beiden Graphic Novels umwerfend fand, bin ich nun fest entschlossen auch die Bücher zu lesen. Obwohl es so viele Bücher aus der zamonischen Welt gibt, werde ich wohl mit ‚Die Stadt der träumenden Bücher‘ anfangen, einfach weil mich die Handlung am meisten anspricht und dann erst einmal mit einem kürzeren Werk testen kann, ob mir Walter Moers‘ Schreibstil zusagt, bevor ich mich ggf. an die dicken Wälzer wage. 🙂

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