Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „My Lesbian Experience with Loneliness“ von Kabi Nagata

Eine depressive 28-Jährige, die sich eine Escort-Dame bestellt, um ihre sexuelle Unschuld zu verlieren – das klingt albern und überzogen? Ist es aber nicht, denn hier haben wir einen gefühlsbetonten und sehr mitreißenden Comic über die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.

My Lesbian Experience with Loneliness

Worum geht’s?

Kabi Nagata verarbeitet in „My Lesbian Experience with Loneliness“ die Jahre nach ihrem Schulabschluss, in denen sie mit dem Erwachsenwerden, psychischen Problemen und der Entdeckung ihrer eigenen Sexualität zu kämpfen hat. Studium, Job, Wohnung, Freunde, Sex… Nichts läuft wie in ihrer Vorstellung von einem „normalen Leben“. Geplagt von Einsamkeit und dem Gefühl, nirgends dazuzugehören, treibt sie der Wunsch, akzeptiert und festgehalten zu werden dazu, eine Escort-Agentur für homosexuelle Frauen zu beauftragen. Das Treffen, bei dem ihr erstes Mal stattfinden soll, verläuft völlig anders, als erwartet, doch gibt dennoch den Anstoß dafür, dass sich ihr Leben komplett ändert.

Wie fühlt sich’s an?

Die Themen, die in Nagatas Buch angeschnitten werden, scheinen zunächst sehr speziell – sie leidet an Depressionen, einer Essstörung, selbstverletzendem Verhalten, hat Probleme im Umgang mit anderen Menschen und damit, sich von der Bestätigung ihrer Eltern zu lösen.

Gleichzeitig bieten sie unheimlich viel Identifikationspotenzial, für jeden, der Erwachsenwerden auch manchmal scheißanstrengend  findet und dem es schwer fällt, sich selbst zu lieben, obwohl das bekanntermaßen die Voraussetzung für‘s Glücklichsein ist. Nagatas psychische Probleme sind schon zahlreich und erschreckend, aber ich hatte nicht einen Moment den Eindruck, dass sie übertreibt oder unauthentisch ist. Wie es sich anfühlt, sich selbst im Weg zu stehen und an seinen eigenen Ansprüchen zu scheitern, erzählt sie in diesem Manga sehr eingängig und nachvollziehbar.

Wem solche Gedanken des Selbstzweifels gar nichts sagen, dem wird der Ton des Buches vielleicht zu weinerlich sein, mir gefällt aber ihre Ehrlichkeit und die Darstellung ihrer Gefühle. Das gilt nicht nur für ihre offene Art, in der sie von ihren Erlebnissen und Gedanken erzählt, sondern auch für die zeichnerische Umsetzung.

Die Zeichnungen sind bis auf die Mimik der Hauptfigur und einige sie umgebende Schraffuren sehr reduziert, sodass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich auf ihre Emotionen zu konzentrieren. Auch ist die Protagonistin in beinahe jedem Panel des Comics zu sehen. Als dritte Farbe wurde ein Rosaton eingesetzt, der ihr gelegentlich als Röte ins Gesicht schießt, aber auch als Hintergrundfarbe oder für bestimmte Objekte genutzt wird.

Anders als man jetzt erwarten könnte, fehlt dem Buch durchaus kein Spannungsbogen. Im Gegenteil: Nagata schafft es, dass man wirklich mit der Protagonistin mitfiebert und ihr immer wieder wünscht, dass sie den Kampf gewinnen und einen Platz in der Welt für sich finden möge.

Für mich ist „My Lesbian Experience with Loneliness“ ein gelungenes Buch über sehr persönliche, aber ebenso nachvollziehbare Probleme mit dem ganz gewöhnlichen Leben.

Ein Comic für: (Selbst-)Zweifler, psychologisch Interessierte, Menschen, die das Erwachsensein anstrengend finden

Nichts für: Gefühlsallergiker

  • Kabi Nagata / My Lesbian Experience with Loneliness / 144 Seiten / SC / USD 13,99 / erschienen bei Seven Seas Entertainment

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