Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Der Junge lebt im Brunnen“ von Alexander Kaschte und Jaroslaw Gach

Es gibt Dinge, die einen völlig aus der Bahn werfen. Dieser Comic gehört für mich dazu.

Zugegeben, es hat mich gefreut, dass einer meiner Lieblingsmusiker, Alexander Kaschte von Samsas Traum, jetzt auch Comicautor ist und mir dieses Buch zur Rezension zur Verfügung gestellt hat. Obwohl gerade in solchen Situationen die Gefahr besteht, fürchterlich enttäuscht zu werden.  Also nahm ich mir vor, erst einmal einen kurzen Blick reinzuwerfen, als ich „Der Junge lebt im Brunnen“ aus dem Briefkasten geholt hatte. Nur kurz reinblättern. Unmöglich, denn dieses Buch hatte mich von der ersten Seite an. Und als ich einmal durch war, musste ich direkt wieder von vorne anfangen… Aber zur Sache.

Der Junge lebt im Brunnen

Worum geht’s?

Der Comic kommt nicht nur mit sehr wenigen Worten aus, seine Geschichte ist auch mit ebenso wenig Worten erzählt, wenn man denn nicht zu viel verraten will: Ein ziemlich einsames Mädchen findet im Wald einen Brunnen, an dessen Grund ein Junge lebt. Er erzählt ihr seine Lebensgeschichte. Zwischen den beiden entwickelt sich eine unzertrennliche Verbindung.

Wie fühlt sich’s an?

Mit einem Wort: besonders. Das beginnt schon, wenn man das Buch in die Hand nimmt, den starken, rauen Pappeinband fühlt und die rückenlose Bindung sieht – sowas ist mir bisher noch nicht untergekommen. Und es geht weiter, wenn man es aufschlägt:

Die Zeichnungen des polnisches Künstlers Jarosław Gach sind wunderschön. Teils düster, teils behaglich in gedeckten Farben wie in warmes spätsommerliches Abendlicht getaucht, geben sie immer auf beeindruckende Art die Atmosphäre der verschiedenen Settings wieder:  Das dunkle Innenleben des Brunnens, das hellen Tageslicht auf einer Wiese, das schummrige Esszimmer im Wohnhaus der Großeltern… Dabei wirken die Zeichnungen überhaupt nicht überambitioniert oder „gewollt“, sondern im Gegenteil angenehm handgemacht und ja, auch ein bisschen aus der Zeit gefallen. Also genau richtig für diese Art von Geschichte. Auffällig  fand ich auch die originelle Seitenarchitektur in diesem Comic: Kleine Panels stehen auf ganzseitigen, verschiedene Bilder gehen ineinander über, andere wiederum sind klar voneinander abgegrenzt.

Der Junge lebt im Brunnen innen.JPG
(c) Insektenhaus-Verlag

Das Erzähltempo ist eher langsam und erinnert fast an japanische Comicerzählungen. Von Panel zu Panel passiert relativ wenig Handlung, sodass sehr viel Raum für Gefühle bleibt. Die stecken in der Mimik und den Gesten der Figuren, aber auch in den Perspektivwechseln, durch welche dem Leser gezeigt wird, was die Figur gerade sieht. Ob es die Zuneigung zwischen dem Mädchen und ihren Großeltern ist oder seine Einsamkeit auf dem Weg nach Hause – jede Empfindung kommt so auf unaufdringliche, aber unmittelbare Weise beim Betrachter an.

Die Geschichte kann ohne Zweifel als modernes Märchen bezeichnet werden, denn der Plot ist fantasievoll, aber nicht sehr komplex und kommt auch ohne packende Spannung aus. Das Buch entwickelt trotzdem einen ganz eigenen Sog aus Melancholie und Traurigkeit, aber auch aus Liebe und Zuneigung. Ernsthaft, so etwas habe ich noch nie in den Händen gehalten und es machte mich beim Lesen gleichzeitig glücklich und traurig. Jeder, der die Schönheit von Melancholie zu schätzen weiß, sollte unbedingt zu diesem Comic greifen!

Ein Comic für: Melancholiker, Märchen-Fans, Liebhaber leiser Geschichten

Nichts für: Action-Fans, Freunde vieler Worte

Kleine Randnotiz:
Auf dem Samsas Traum – Album „a.Ura und das Schnecken.Haus“ gibt es einen Song, der ebenfalls „Der Junge lebt im Brunnen“ heißt. Bitte macht nicht den Fehler zu denken, dass ihr den Comic nicht mehr braucht, wenn ihr das Lied kennt. Ja, beide Geschichten sind lose miteinander verbunden und ähnlich traurig, aber sie ergänzen sich eher, als dass eins die Adaption des anderen wäre.
Zugegebenermaßen ist die Musik von Samsas Traum nichts für jedermann, aber wer es einmal wagen möchte, dem sei „a.Ura und das Schnecken.Haus“ ans Herz gelegt.
Allen anderen bietet der Comic aber durchaus eine eigenständige Geschichte und ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

  • Alexander Kaschte und Jarosław Gach / Der Junge lebt im Brunnen  / 48 Seiten / HC / EUR 19,95 / erschienen bei Insektenhaus

 

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