Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „I’m not here“ von gg

Sich im eigenen Leben gefangen fühlen – das kennen viele. Doch was, wenn man die Chance hat, in das Leben einer anderen zu schlüpfen? Diese Möglichkeit ist eines der Themen in „I’m not here“. Ein anspruchsvoller Comic für aufmerksame Leser.gg_Im not here

Worum geht’s?

Die namenlose Protagonistin lebt mit ihrer Mutter in einem Vorort und kümmert sich sowohl um sie als auch um ihren getrennt lebenden Vater. Unglücklich und gefangen in ihrem Leben streift sie mit dem Fotoapparat durch die Stadt und entdeckt eine Frau, die ihr verblüffend ähnlich sieht. Einige Tage später geht sie zum Haus der Doppelgängerin und wird wegen der Ähnlichkeit mit der eigentlichen Bewohnerin hereingelassen. Sie verbringt eine Nacht in der fremden Umgebung und beginnt zu träumen.

Wie fühlt es sich an?

Beim ersten Leben ungefähr so: „Wie schön, aber häääää????“. Hundert kleine Fragezeichen schwebten über meinem Kopf, als ich mich durch die ca. 100 optisch extrem ansprechenden, doch nicht gerade einfach zu konsumierenden Seiten geblättert hatte.

Was die Themen dieser Slice-of-Life-Erzählung sind, wurde mir erst beim zweiten und dritten Lesen klar: die Entfremdung, die Spannung zwischen der Fürsorge für die Familie und einem selbstbestimmten Leben, der Wunsch, das bisherige Leben hinter sich zu lassen.

Dass ich das Buch nach dem ersten Lesen nicht aufgeben konnte, liegt zum Großteil daran, dass mir die Zeichnungen der kanadischen Künstlerin gg viel zu gut gefallen haben, als dass ich ihre Bedeutung hätte ignorieren können. Beim Ansehen der Panels hatte ich auch weniger das Gefühl einen Comic zu lesen, als vielmehr Kunst zu betrachten oder einen Arthaus-Film zu sehen – Bild und Text sind in diesem Buch sehr streng getrennt, Dialoge werden nur als Untertitel sichtbar. Die Panels selbst sind schwarz-weiß und sehr kontrastreich, der Stil wirkt grafisch und trotzdem realistisch.

gg_Im not here_ innen

Das wird gleich auf den ersten zwei Seiten sichtbar, auf denen über mehrere Panels gezeigt wird, wie sich die Protagonistin einen Zopf bindet. Überhaupt beinhaltet der Comic sehr ungewöhnliche Bildausschnitte; Momentaufnahmen wie Schuhe, die ausgezogen werden, eine Avocado, die aufgeschnitten wird oder ein Teller, der nach dem Essen abgespült wird. So werden sehr unaufgeregt, aber ebenso treffend und genau beobachtet alltägliche Szenen gezeigt.

Das passt hervorragend zu der sehr stillen Erzählung, in der wir einen kurzen Auszug aus dem Leben der fremden jungen Frau präsentiert bekommen, die wiederum selbst einen kurzen Ausflug aus einem fremden Leben bekommt und ihr eigenes reflektiert.

Die Geschichte ist nicht sehr offensichtlich erzählt, erfordert viel Aufmerksamkeit und lässt Raum für Gedanken und Interpretationen. Außerdem fühlt es sich manchmal ein bisschen voyeuristisch an, so nah an der Hauptfigur zu sein. All das finde ich etwas anstrengend bzw. unangenehm, aber gleichzeitig konnte ich auch nicht aufhören, hinzusehen und darüber nachzudenken. So ist „I’m not here“ sicher nichts für Comiceinsteiger oder zum Nebenbei-Lesen. Für mich hat es sich aber gelohnt, diese Anstrengung zu investieren.

Ein Comic für: aufmerksame Leser, Liebhaber leiser Geschichten, Freunde anspruchsvoller Comics

Nichts für: Comic-Neulinge, Unterwegs-Leser

  • gg / I’m not here / 104 Seiten / SC / USD 12,- / erschienen bei Koyama Press

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