Allgemein · Ans Eingemachte (Rezensionen)

/Ans Eingemachte/: „Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen“ von Leigh Bardugo

Diana, Prinzessin der Amazonen ist DIE Comicheldin schlechthin. Sie steht für Mut, Gerechtigkeit und Wahrheit. Sie zur Protagonistin eines Jugendbuchs zu machen, hat Potenzial. Auch Potenzial, richtig schiefzugehen. Ob Leigh Bardugo dieses Potenzial ausschöpft?

Wonder Woman_Leigh Bardugo

Worum geht’s?

„Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen“ ist eine Origin-Geschichte, erzählt also die Vorgeschichte der Superheldin: Diana, die Prinzessin der Amazonen, bricht eine der wichtigsten Regeln ihres Volkes, indem sie das Menschen-Mädchen Alia auf die Amazonen-Insel Themyscira bringt. Sie versetzt dadurch ihre Heimat und die ganze Erde in Gefahr und muss zum ersten Mal in die Welt der Sterblichen aufbrechen, um dort mithilfe von Alia und ihren Freunden einen riesigen Krieg zu verhindern.

Wie fühlt es sich an?

Zunächst mal: Spannend. Die Geschichte um die Amazonenprinzessin ist natürlich eine klassische Heldengeschichte und strotzt nur so vor Action, fiesen Gegnern, Plottwists und Kämpfen. Doch davon abgesehen werden ganz nebenbei auch noch wichtige Themen des 21. Jahrhunderts angeschnitten: Alltagsrassismus, männliche Selbstüberschätzung, sexuelle Belästigung, Probleme von Homosexuellen… Nichts davon ist wirklich entscheidend für die Handlung, aber immerhin werden diese Dinge thematisiert und leise kritisiert. Das macht die Welt authentisch und gibt dem (jugendlichen) Leser vielleicht den einen oder anderen Denkanstoß. Schlecht kann das nicht sein.

 

Traut man diesem Buch, müssen New Yorker Jugendliche alle wahnsinnig intelligent und talentiert sein und dann auch noch ein umfangreiches Wissen über griechische Mythologie haben. So zumindest stellen sich Alia und ihre Freunde dar, die nach kurzer Skepsis Diana gegenüber alle sehr genau über die Welt der Götter Bescheid wissen und auch sonst alle hochbegabt scheinen. Realistisch ist das sicher nicht. Wenn man das hinnehmen kann, zieht die rasante Geschichte einen aber schnell in den Bann.

Wonder Woman_innen

Von den jugendlichen Protagonisten abgesehen zeichnet der Roman aber ein sehr düsteres Bild der Menschheit: Quasi ununterbrochen wird die Aufmerksamkeit auf die Unvollkommenheit der Menschen gelenkt. Sie sind machtgierig, missgünstig, schwach, selbstsüchtig und verantwortungslos… Die Liste ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen und jeder halbwegs vernünftige Mensch würde sie wohl unterschreiben. Kein Wunder also, dass sich die Menschen eine gottähnliche Gestalt wie Diana wünschen, die stark, gerecht und gütig ist.

Ehrgeiz und Kampfgeist sind außerdem bestimmende Motive in diesem Buch. Das ist mir persönlich zwar nicht so nah, aber mir gefiel es trotzdem, davon zu lesen. Vor allem, da sowohl positive als auch negative Effekte dieser Eigenschaften beleuchtet wurden. Diana selbst bleibt dabei natürlich ein geeignetes Vorbild für weibliche wie männliche Leser, denn sie steht auch für Hilfsbereitschaft, Empathie und Toleranz.

Dass das Buch trotzdem nicht tonnenschwer, belehrend oder übermäßig pathetisch wird, liegt an dem Witz im Erzählstil Leigh Bardugos. Wenn Diana, die die Welt der Menschen nur aus Büchern kennt, beispielsweise fragt:

„Ist Google einer eurer Götter?“

oder in der U-Bahn auf Alias Erklärung, warum alle Fahrgäste nur ins Leere starren, sich aber nie gegenseitig ansehen, zusammenfasst:

„Direkter Blickkontakt wird unter Primaten als Aggressionsakt verstanden.“

Sätze wie diese lockern den Ton des Buches zum Glück sehr auf und haben mich einige Male zum Schmunzeln gebracht.

Für meinen Geschmack war allerdings etwas zu häufig die Rede von Dianas optischer Erscheinung. Okay, sie ist groß und schlank und muskulös und ja, ihre Haare sind besonders lang und glänzend, ihre Haut ist makellos, ihre Augen strahlend blau… Die Frage ist: Ist das wirklich sooo wichtig für ihre Rolle als Heldin? Ich glaube kaum, aber es ist doch typisch für viele Jugendbücher, dass diesen Oberflächlichkeiten Gewicht gegeben wird.

Wenigstens nimmt eine sich anbahnende Romanze keine größeren Ausmaße an, sodass diese Klischee-Falle noch einmal umschifft wird.

Insgesamt ergibt das ein lesenswertes Jugendbuch mit einigen kleinen Schwächen. „Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen“ wird der Amazonen-Prinzessin trotzdem gerecht und verliert sich nicht in typischen Jugendbuch-Klischees, bietet Indentifikationsfiguren und Vorbilder und macht Spaß beim Lesen. Ich kann diesen Roman empfehlen und bin gespannt auf die weiteren DC-Superhelden-Geschichten, die bei dtv noch folgen werden: Für August 2018 angekündigt ist etwa die Entwicklung von Bruce Wayne zu Batman.

Ein Buch für: Superhelden-Fans, Action-Liebhaber, Pazifisten, Jugendliche auf der Suche nach Vorbildern

Nichts für: Kriegstreiber, aufdringliche U-Bahn-Fahrgäste, absolute Klischee-Allergiker

  • Leigh Bardugo / Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen / 448 Seiten / HC / EUR 18,95 / erschienen bei dtv

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s